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VENEZIAS OPERNTRADITION

Venedig und die Geburt der öffentlichen Oper, von 1637 bis heute

Lange bevor die Palazzi am Canal Grande intime Opernabende erlebten, erfand Venedig das öffentliche Opernhaus – eine vier Jahrhunderte umspannende Geschichte von 1637 über Vivaldi bis zur La Fenice.

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Die Stadt, die das Opernhaus erfunden hat

Oper gab es schon vor Venedig, doch erst Venedig machte daraus eine öffentliche Kunstform. 1637 eröffnete das Teatro San Cassiano als erstes Opernhaus der Welt, das Eintrittskarten an ein zahlendes Publikum verkaufte, statt Oper als private Unterhaltung für einen einzigen Fürstenhof aufzuführen. Es war ein wahrhaft neues Geschäftsmodell – jeder, der den Eintrittspreis bezahlen konnte, durfte eine vollständige Opernproduktion erleben – und es verwandelte die Oper von einer höfischen Neuheit in eine urbane Unterhaltungsindustrie. Innerhalb weniger Jahrzehnte gab es in Venedig mehrere konkurrierende Opernhäuser, eine Konstellation, die keine andere europäische Stadt in diesem Umfang bis dahin gewagt hatte.

Ein Opernhaus an fast jeder Ecke

Bis Mitte des 17. Jahrhunderts unterhielt Venedig gleichzeitig mehrere öffentliche Opernhäuser, die vor allem während der Karnevalssaison um ihr Publikum konkurrierten, wenn die Stadt sich mit Besuchern füllte, die darauf erpicht waren, hinter Masken zu sehen und gesehen zu werden. Der venezianische Adel finanzierte und besaß viele dieser Theater und vermietete sie an Tourneekompanien und Impresarios – eine frühe Form des kommerziellen Veranstaltungsmodells, das bis heute in Spielstätten erkennbar ist. Schätzungen zufolge waren im 17. und 18. Jahrhundert nahezu zwanzig Opernhäuser in Venedig aktiv – eine außergewöhnliche Dichte für eine Stadt dieser Größe, und ein wesentlicher Grund, warum Venedig oft als die wahre Geburtsstätte der Oper gilt.

Vivaldi schrieb mehr Opern als Konzerte.

Antonio Vivaldi ist heute vor allem für Instrumentalwerke wie „Die vier Jahreszeiten“ bekannt, doch zu seinen Lebzeiten war er ebenso aktiv als Opernkomponist: Im Laufe seiner Karriere schrieb er mehrere Dutzend Opern, viele davon für venezianische Theater wie das Teatro Sant'Angelo. Daneben wirkte er jahrzehntelang als Musiklehrer und Komponist am Ospedale della Pietà, einer venezianischen Einrichtung für verwaiste und verlassene Mädchen, deren Musikensemble in ganz Europa berühmt wurde. Vivaldis Opernschaffen wird von seinem instrumentalen Ruhm überschattet – doch es erinnert daran, dass die venezianische Opernszene kein Nebenprojekt war, sondern die größten musikalischen Namen der Stadt beschäftigte.

La Fenice, das Theater, das seinen Namen dem Wiederaufstieg aus der Asche verdankt

Teatro La Fenice — „der Phönix“ — wurde 1792 eröffnet und hat sich seinen Namen auf die harte Tour verdient: Es ist mehr als einmal niedergebrannt und wiederaufgebaut worden, am berühmtesten nach einem Brand 1996, als es 2003 in originalgetreuer historischer Optik wiedereröffnet wurde. Heute ist es Venedigs wichtigstes Opernhaus und die Bühne, auf der La Traviata 1853 ihre holprige Premiere feierte. Sein Überleben durch Feuer, napoleonische Besatzung und das zwanzigste Jahrhundert macht es zu einem der geschichtsträchtigsten Opernhäuser Europas, und sein Name ist zu einer Art Sinnbild für Venedigs unbeirrbare Treue zu seiner eigenen Operntradition geworden.

Eine Tradition, die über ihre Theater hinauswuchs

Vier Jahrhunderte nachdem das Teatro San Cassiano seine Türen für zahlendes Publikum öffnete, hat sich Venedigs Operntradition nicht auf eigens errichtete Theater beschränkt. Historische venezianische Palazzi entlang des Canal Grande, viele davon als Privatresidenzen adeliger Familien erbaut, beherbergen heute ihre eigenen kleinformatigen Opernaufführungen – inszeniert in authentischen historischen Räumen statt auf einer Proszeniumsbühne. Das Format unterscheidet sich von dem, was das Publikum im San Cassiano oder in der La Fenice erlebte, doch es speist sich aus derselben bürgerlichen Gewohnheit: Oper als etwas zu behandeln, das die Öffentlichkeit hautnah erfahren darf – nicht nur der Adel hinter verschlossenen Türen.

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